Studentensommer

Während unseres Studiums war das Geld knapp – welcher Student kennt das nicht. Ich muss eingangs erwähnen, dass ich in der damaligen DDR studiert habe. Die Nachgeborenen und heutigen Studenten werden sich kaum ein Bild machen können, wie ein Studium im sozialistischen Bildungssystem ablief. Grundsätzlich war Anwesenheit Pflicht. Sogar währen der Vorlesungen wurden von den eigenen Kommilitonen in den Seminargruppen Anwesenheitslisten geführt. Das waren dann die ganz Linientreuen, mit denen wir in unserer Freizeit auch nicht zu tun haben wollten. Es ging somit nicht an, dass die Studenten sich aussuchen konnten, welche Kurse sie belegen möchten und welche Scheine sie wann machen wollten. Der Ablauf des Studienjahres, auch in zwei Semester geteilt, war für alle durch den Studienplan geregelt. Der Staat unterstützte seine Studenten mit bescheidenen Mitteln. Das war ein Grundstipendium von 200 DDR-Mark im Monat, von denen 10 Mark Miete für das Studentenwohnheim abgingen. Mit 190 Mark konnte man schlechterdings aber nicht auskommen. Zuschüsse von den Eltern waren gern gesehen und so mancher legte sich ein “Bratkartoffelverhältnis” zu. Man lernte ganz gern ein Mädchen, respective einen Jungen, aus der Stadt kennen und ließ sich gelegentlich von dessen Eltern zum Essen einladen.

Eine willkommene Auffrischung der Kriegskasse bot dann der Studentensommer. Von der Hochschule bekamen wir angeboten, für verschiedene Projekte zu arbeiten und uns so dringend benötigtes Geld zu beschaffen. Es wurde auch erwartet, dass wir an diesen Projekten teilnehmen, ohne dass es Zwang im weitesten Sinne gewesen wäre. Ich erinnere mich sehr gut an einen Sommer, in dem wir für die Schmalspurbahn im Zittauer Gebirge arbeiteten. Wir wurden für Gleisbauarbeiten eingesetzt, da in dieser gebirgigen Region moderne Technik schlecht angewandt werden konnte. So verlegten wir Schwellen im Gleisbett, setzten die Schienen auf und verschraubten diese mit den Schwellen. Den ganzen Tag arbeiteten wir mit freiem Oberkörper an der frischen Luft und wurden mittags mit leckerem frisch gekochtem Essen versorgt. Am Nachmittag nach der Arbeit gingen wir an jedem Tag ins Freibad, wo wir freien Eintritt genossen. Die Abende verbrachten wir meist am Lagerfeuer und hatten immer unsere Gitarren dabei. Trotz der körperlichen Arbeit tagsüber genossen wir diese sommerlichen Nachmittage und Abende. Am Ende des Studentensommers nach drei Wochen erhielten wir unseren wohlverdienten Lohn. Es waren ungefähr 500 Mark und ich hatte nie zuvor soviel Geld in den Händen gehabt. Ich bekam meinen Lohn in 5-Mark-Scheinen ausgezahlt und das war doch schon ein ganz ansehliches Bündel Banknoten. Die restlichen drei Wochen der Semesterferien verbrachte dann jeder wie er wollte und das verdiente Geld verschönte selbstverständlich diesen Urlaub.