Sommer an der Ostsee

Ich exmatrikulierte mich selbst von der Hochschule weil ich auf die ganze Studiererei keinen Bock mehr hatte. Ich hätte das Studium der Elektrotechnik gar nicht erst aufnehmen sollen, weil ich von der Materie keine Ahnung hatte und es mir erst recht keinen Spaß machte. Jetzt musste etwas anderes passieren. Es ging natürlich nicht, nur bei den Eltern herum zu sitzen und gar nichts zu tun, also suchte ich mir eine Arbeit. Ich landete im hiesigen Braunkohlenwerk und reparierte fortan E-Loks. Jeden Mogen um 4:30 Uhr aufstehen und harte Arbeit verrichten, so hatte ich mir das allerdings auch nicht vorgestellt. Doch dann kam der Sommer. Mit der Arbeit hatte ich mir etwas Geld verdient und wollte nun das erste mal in meinem Leben mit noch 19 Jahren auf eigene Faust Urlaub machen.

Das Ziel war die Ostsee. Mein Kumpel kannte in Rostock eine junge Frau und das sollte unsere erste Anlaufstation sein. Von Lübbenau aus, meinem damaligen Heimatort, brachen wir in aller Herrgottsfrühe auf und erreichten per Anhalter auch bald Berlin. Die Stadt hatten wir dann auch zügig mit der S-Bahn durchquert und standen an einer Ausfallstraße von Onanierburg. Wir standen und standen, aber kein Auto hielt an. Mein Kumpel fuhr mit dem Zug weiter, er hatte wohl Sehnsucht nach der Lady. Ich wollte aber nicht aufgeben und hatte Glück. Auf der F 96 langte ich über die Stationen Fürstenberg, Neubrandenburg, Malchin und Teterow am späten Abend per Anhalter in Rostock an. Ich fand sogar noch das Haus meines Kumpels Liebster und hatte in der ersten Nacht ein Dach über den Kopf.

Der Verbleib für die weiteren Nächte war vollkommen unklar. Manchmal schlief ich in einem Strandkorb, kam für einige Nächte in einem Studentenwohnheim unter, hab auch zwei, drei mal ein Mädel rumgekriegt und verbrachte die letzte Nacht auf der Ladefläche eines Planwagens, der Holzwolle geladen hatten. Die Tage verbrachte ich am Ostseestrand und die Sommersonne entschädigte für unbequeme Nächte. Sehr bald lernte man am Strand andere Jugendliche kennen und es bildete sich eine lockere Clique. Eine meiner Lieblingsbands, Praxis II , tourte in diesem Sommer an der Küste. So war ich dann auch bei 3 ihrer Gigs dabei. Das Ganze ist jetzt bald 30 Jahre her und ich weiß nicht, ob man solche Trips Jugendlichen heutzutage noch empfehlen kann. Ich hatte jedenfalls eine Menge Spaß, wenn auch einige Härten zu bestehen waren.

Die Heimreise bewältigte ich wiederum per Anhalter, da das Geld sowie so alle war. Dann ging es wieder mit dem Knochenjob weiter, von dem ich bald genug hatte. Eine gute Seite kann ich dieser Zeit allerdings abgewinnen: Ich lernte Arbeiten. Jedenfalls nahm ich im nächsten Jahr das Studium wieder auf, kniff die Arschbacken zusammen und konnte es nach 4 Jahren erfolgreich abschließen. Und ein interessanter Reisebericht ist ebenfalls entstanden.